Zürich–Petrograd. Eine Theaterreise

Das Teatro Palino Baden vermittelt und verflechtet spannende Aspekte der russischen Oktoberrevolution mit einer Bühnenproduktion.

«Zürich–Petrograd» – Eine nicht ganz alltägliche Theaterproduktion
«Zürich–Petrograd» – Eine nicht ganz alltägliche Theaterproduktion (Bilder: zVg/John H. Yasser)

von
Isabel Steiner Peterhans

24. November 2017
08:00

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Oktoberrevolution im Teatro Palino

Der 7. November hat Geschichte geschrieben: im Jahr 1917 ereignete sich an diesem Tag (nach der julianischen Zeitrechnung war es damals noch der 25. Oktober) die russische Oktoberrevolution und veränderte die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse im Zarenreich grundlegend. Hundert Jahre später bringt das Teatro Palino exakt am selben Tag eine Eigenproduktion auf die Bühne, welche welthistorische Gross­ereignisse unter die Lupe nimmt. 


24., 25., 29. November, 1., 2., 6., 8. und 9. Dezember, jeweils 20.30 Uhr
Teatro Palino, Baden
www.teatropalino.com 

«Ein so komplexes Thema wie die Oktoberrevolution «bühnenfähig» umzusetzen, ist sicher nicht ganz einfach», bestätigen die Konzeptverantwortlichen Hilde Schneider und Stella Luna Palino. «Deshalb haben wir den Ablauf auch in drei Teile gegliedert und uns bewusst dafür entschieden, an unterschiedlichen Orten auf unterschiedliche Aspekte der Thematik einzugehen. Nämlich drinnen in der Unvermeidbar auf die Vorgeschichte, draussen in der Kronengasse auf die Revolution selber und im Keller (Untergeschoss) auf ihre Folgen. Sich ein klein wenig in Geschichte auszukennen, vereinfacht einiges, aber das 1½-stündige Stück ist auch ohne fundierten Hintergrund, äusserst witzig, überraschend aber auch kritisch» fassen die beiden zeitgleich zusammen. Hilde Schneider, die Regisseurin mit deutschen Wurzeln und in Konstanz wohnhaft, kennt sich aus mit nicht ganz alltäglichen Theaterproduktionen. Blickt sie doch auf eine umfangreiche Berufskarriere zurück. Für einigen Gesprächsstoff sorgte sie bereits im Jahr 2014 mit einer Produktion zum ersten Weltkrieg «an Weihnachten sind wir zurück». Schneider ist also bekannt dafür, Geschichte erlebbar zu machen. «Klar habe ich eine ungefähre «Regie»-Spur gelegt mit möglichen Ideen, wie die Produktion ungefähr daherkommen könnte, aber ich war offen für die Inputs und spontanen Ideen der zehn mitwirkenden Schauspieler», bestätigt Schneider «und wir haben ständig neue Möglichkeiten ausgeschöpft und kreativ umstrukturiert, aber das ist ja auch das spannende am Theatermachen.»

Auf den Spuren der Revolution 

Im Frühjahr diesen Jahres wurde ein Konzept erarbeitet, Gelder eingetrieben und die kunterbunte Theatermannschaft zusammengetrommelt. Mit den eigentlichen Proben wurde erst Anfang Oktober losgelegt, was überrascht, wenn man sich das überaus turbulente und auch teils sehr temperamentvolle Stück anschaut. Die in drei Teile gegliederte Produktion, welche zeitweise auch grössere Zeitsprünge hat, verläuft nach keiner Chronik oder gar einer geregelten Ordnung, verblüfft aber trotzdem immer wieder und hält sich wacker auf den Spuren der Revolution. So kommen Helden, Opfer und Erben der Revolution gleichermassen zu Wort, mischen sich Ausschnitte aus Briefen, Reden und Manifesten mit literarisch-dokumentarischem Material. Geschickt eingefädelt. Die Vorbereitung der Oktoberrevolution durch Lenin in seinem Züricher Exil ist in eine Art «Revue» verpackt: bei der Jubiläumsfeier eines Restaurants, das den Revolutionären vor hundert Jahren als Treffpunkt diente, treten diese im Festprogramm als Überraschungsgäste auf und werden mit ihrer jeweiligen Geschichte vorgestellt.


Anspruchsvoller Text und ganz viel Livemusik

Im Untergeschoss, den Kellerräumlichkeiten findet sich dann der Besucher zum dritten Teil des Stückes wieder. Hier werden Ausschnitte aus Werken der Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch zitiert. Die Textcollage und ihre szenische Einbettung ist fundiert und äusserst frappant. Musikalisch untermalen Melodien aus der Schweizerecke wie Volkslieder vom «s’Vreneli vom Guggisberg» und «Lueget vo Bergä u Tal» die ganze Angelegenheit. Fehlen darf natürlich auch nicht die Hymne der Oktober­revolution von Alexander Gretschaninow «Gimn svobodnoj Rossii». Aber was hat sie nun wirklich für Spuren hinterlassen, die Oktoberrevolution – was hat sie verändert. Was verbleibt. Die Besucher zumindest sind angetan von der Produktion, teilweise auch verblüfft, nachdenklich aber allemal. Gut möglich, dass der eine oder andere dann spätabends, nach dem Theaterbesuch, «Mr. Google» konsultiert hat, um sich doch noch etwas fundierter mit der Oktoberrevolution von damals auseinanderzusetzen. 

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