«Vorsätze sind ein guter Anfang»

Damit ein Vorsatz auch umgesetzt wird, muss man ihn hirngerecht formulieren. Wie das geht, erklärt Jürg Wilhelm im Interview.

Jürg Wilhelm hilft Menschen, das Beste aus ihrem Leben zu machen
Jürg Wilhelm hilft Menschen, das Beste aus ihrem Leben zu machen (Bild: zVg)

von
Annegret Ruoff

29. Dezember 2017
14:55

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Jürg Wilhelm, 61

ist seit zwanzig Jahren als Topmanager, Organisationsarchitekt und Coach im Einsatz, unter anderem am Lehrinstitut LIKA in Stilli. Ursprünglich in der Geschäftsleitung einer Versicherung tätig, hat er sich unter anderem in NLP, Organisationsentwicklung, Strukturstellen, Logosynthese, Tai Ji und Hypnose weitergebildet. 

Jürg Wilhelm, statt dem Verflossenen nachzutrauern, kommen viele Menschen Anfang Jahr so richtig in Aufbruchstimmung. Sie auch?

Oh, ja! Den Jahreswechsel verbringen meine Partnerin und ich jedes Jahr in einem anderen Land. Zurzeit bereisen wir für vier Wochen Sri Lanka. Ich nutze diese Zeit jeweils, um zu entspannen, Rückschau auf das vergangene Jahr zu halten und mir über meine Träume, Wünsche und Ziele Gedanken zu machen. Träume und Wünsche sind mir ausserordentlich wichtig. Sie sind die Vorboten unserer Möglichkeiten, heisst es. Und so wähle ich jeweils freudig aus, worauf ich mich im folgenden Jahr konzentrieren möchte. 


Beflügelt vom Jahresanfang, setzen sich viele Menschen tolle Vorsätze. Die einen wollen Kilos verlieren, andere weniger arbeiten. Hand aufs Herz: Beruhigen solche Vorsätze nicht bloss das schlechte Gewissen?

Wenn wir zur Erkenntnis gekommen sind, dass es sich lohnt, in unserem Leben etwas zu verändern, sind Vorsätze ein guter Anfang. In meinen Coachings teste ich sie dann auf Herz und Nieren. Zur Klärung stelle ich folgende Fragen: Was genau wollen Sie erreichen? Das schafft Klarheit. – Warum und wozu wollen Sie das? Das erklärt den persönlichen Sinn und Zweck. – Wie und womit wollen Sie das machen? Das klärt den Weg und die vorhandenen Ressourcen. – Und zu guter Letzt: Was wird dann sein, wenn Sie das erreicht haben? Das klärt die Attraktivität des Vorsatzes. Wenn wir gute Antworten auf diese Fragen haben, besteht eine grosse Chance, dass wir unserem Leben eine gute Richtung geben können. 


Und dann? Was raten Sie als profunder Kenner menschlicher «Programmierung»? Wie müssen Vorsätze formuliert sein, damit unser Gehirn mit ihnen etwas anfangen kann?

Die Formulierung sollte hirngerecht aufbereitet, also positiv, klar, eindeutig, messbar, terminiert und attraktiv sein. Die Formulierung «weniger arbeiten» zum Beispiel erfüllt keines der Kriterien. Sie ist vergleichend (weniger als zuvor), unspezifisch (nicht messbar), terminlos und wenig attraktiv, das heisst nicht positiv formuliert.


Was bedeutet das?

«Weg von»-Formulierungen sind wenig hilfreich. Um uns zu motivieren, wählen wir besser eine «Hin zu»-Formulierung. Mit Vorteil nutzen wir übrigens auch unser Sinnessystem, um zu guten Formulierungen zu kommen: Was sehe, was höre, was fühle ich, wenn ich mein Ziel erreicht habe?


Wie lautet der Vorsatz «weniger arbeiten» dann in hirngerechter Sprache formuliert?

Etwa so: 2018 werde ich jeden Tag nach maximal acht Stunden nach Hause gehen und meine Ferien von fünf Wochen bis Ende der Jahres alle eingezogen haben. Ich fühle mich nach der Arbeit immer noch frisch und habe Lust, etwas mit meiner Familie zu unternehmen. Dadurch bin voll motiviert und leistungsfähig und kann so einen tollen Job machen, der mich auch langfristig erfüllt.

 

Das klingt zwar noch etwas kompliziert, aber durchaus reizvoll. Und was braucht es, damit der Vorsatz nun auch umgesetzt wird?

Die Formulierung ist bereits der halbe Weg zum Erfolg. Dazu gehört, dass ich mir einen Plan mache, wie ich den Vorsatz in die Tat umsetzen werde. Ich empfehle zudem, viele Leute über mein Ziel zu informieren und mir einen Mentor zu suchen, der immer wieder mal nachfragt, ob ich auf Kurs bin. Mir persönlich hilft das enorm dabei, wirklich dranzubleiben. Schliesslich blamiere ich mich nur ungern.


Wie hilfreich sind Belohungen zwischendurch?

Ich belohne mich jeweils für erreichte Zwischenetappen. Das erhöht die Motivation auf jeden Fall.


Gehts um Vorsätze, funken einem ja auch Glaubenssätze dazwischen, die man sich irgendwann im Leben zurechtgelegt hat.

In der Tat. Es gibt hinderliche und unterstützende Glaubenssätze. Ein hinderliches Beispiel wäre: «Ich schaffe es eh nicht. Alles, was ich mir vornehme, geht sowieso schief!» Glaubenssätze wirken wie sich selbst erfüllende Prophezeiungen. Die Gefahr, wegen eines solchen Glaubenssatzes zu scheitern, ist enorm hoch. Hat hingegen jemand den Glaubenssatz «Alles, was ich mir vornehme, sorgfältig plane und wirklich will, das schaffe ich auch!», erhöht sich die Chance, das Ziel zu erreichen. 


Welche Möglichkeiten hat man, diese Glaubenssätze auszuhebeln und neue Wege einzuschlagen?

Das ist auf viele Arten möglich. Manche davon klingen vielleicht auf den ersten Blick etwas verrückt. 


Zum Beispiel?

Unser Gehirn kann schlecht zwischen Fakten und Fiktionen unterscheiden. Ob etwas wahr ist oder nicht, macht es daran fest, wie der Glaubenssatz im Sinnessystem «abgelegt» ist. Wir können sehen, hören, fühlen, riechen und schmecken. Diese fünf Sinne lassen sich feiner ausdifferenzieren. Wir nennen diese feinen Unterscheidungen Submodalitäten. Dadurch, dass ich jemandem helfe, die Submodalitäten des Glaubenssatzes zu verändern, wirkt dieser auf einmal paradox oder sogar drollig. Und die destruktive Wirkkraft ist weg.

Natürlich gibt es auch Methoden wie EMDR, Logosynthese oder Hypnose. Sie verändern die energetische Struktur von Glaubenssätzen und beziehen das Unbewusste mit ein, das ja viel mächtiger ist als der bewusste Verstand. Während dieser vergleichsweise die Grösse einer Streichholzschachtel hat, hat das Unbewusste die  Dimension des Mount Everest.


Zum Schluss noch ganz konkret: Was werden Sie im neuen Jahr anders beziehungsweise neu angehen? 

Nächstes Jahr feiere ich mein Jubiläum. Ich bin seit 20 Jahren selbständig und kann auf eine sehr erfüllte berufliche Karriere zurückblicken. Ich habe sicher auch viel Glück in meinem Leben gehabt, bin jetzt Grosspapa, habe tolle Kinder und eine wundervolle Beziehung. Ich tue genau das, was ich tun will, und kann es jetzt mit meinen 61 Jahren gemütlich angehen. Schön, nichts zu müssen und nur wenig zu wollen.


Und das Wenige ist?

Ich möchte 2018 zwei Ausbildungen zum Life Coach anbieten und Menschen dabei begleiten, das Beste in sich zu entdecken. Dann werde ich wie jedes Jahr eine Ausbildung in Angriff nehmen, um, zusammen mit meinen Kunden, Unternehmen zu bauen, bei denen Menschen gerne arbeiten, sich entfalten und dabei ihr Bestes zeigen können. Und da ich jetzt Grosspapa bin, möchte ich meine Enkel aufwachsen sehen und an ihren kleinen und grossen Schritten im Leben teilhaben.

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