Sie treibt es gern auf die Spitze

Ruth Maria Obrist präsentiert in ihrer neuen Ausstellung eine reduzierte Welt. «Mondo ridotto» ist ab dem 17. Mai in der Galerie 94 zu sehen.

Ruth Maria Obrist beim Einrichten ihrer neuen Ausstellung «Mondo ridotto»
Ruth Maria Obrist beim Einrichten ihrer neuen Ausstellung «Mondo ridotto» (Bilder: zVg/René Rötheli)

von
Ursula Burgherr

15. Mai 2018
13:30

«Mondo Ridotto»

Die Ausstellung «Mondo ridotto» von Ruth Maria Obrist in der Galerie 94 auf dem Merker-Areal in Baden wird am Donnerstag, 17. Mai, 18.30 Uhr eröffnet und dauert bis zum 30. Juni. 

Öffnungszeiten: Donnerstag und Freitag 18 bis 20 Uhr; Samstag 11 bis 17 Uhr. Feierabendkonzert in der Ausstellung mit Christoph Gallio, Silvan Jeger und David Meier am Freitag, 1. Juni, 19 bis 20 Uhr. Walk und Talk mit Ruth Maria Obrist und Journalistin Feli Schindler am Donnerstag, 21. Juni, 18.30 Uhr.

www.galerie94.ch

Ruth Maria Obrist ist eine Frau voller Widersprüche. Grazil und zerbrechlich wirkt die meistens in Schwarz gekleidete 63-Jährige. Aber der Schein trügt. Sie ist zäh, beharrlich und ausdauernd, vor allem wenn sie ein künstlerisches Ziel anvisiert. In ihren acht Meter langen «Ölteppich» aus Bitumen, dem Herzstück ihrer Ausstellung «Mondo ridotto» (reduzierte Welt) in der Galerie 94, hat sie mit Metallstempeln kriegsschiffartige Formen eingebrannt. Hunderte Male. Ausschlaggebend für ihr Werk, das 2017 zum ersten Mal im Aargauer Kunsthaus gezeigt wurde, waren Meldungen über die verheerenden Umweltkatastrophen, die durch zahllose im Meer versunkene Schiffe aus dem Zweiten Weltkrieg verursacht werden. Viele der Wracks sind noch nicht geborgen und wahre Zeitbomben. Denn sie rosten, brechen irgendwann auseinander und setzen ihre giftigen Inhalte frei.

  • Galerieinhaber Sascha Laue hilft bei der Montage
    Galerieinhaber Sascha Laue hilft bei der Montage

Eine sensible Beobachterin

Obrist, deren grosse Augen hinter der schwarzen Hornbrille stets etwas leicht Fragendes haben, ist eine sensible Beobachterin ihres Umfeldes und des Weltgeschehens. Doch sie hat auch eine pragmatische Seite und konstruiert ihre auf den ersten Blick chaotisch wirkenden Bilder und Objekte mit mathematischer Genauigkeit. Vom Ölteppich ausgehend, fing sie an mit Teer zu malen. Und obwohl die schwarzen Tropfen auf Leinwand wie zufällig dahingestreut wirken, liegt ihnen ein genaues System zugrunde. Oft tariert Obrist die unsichtbaren waagrechten und senkrechten Verläufe in ihren Bildern mit einem straff gespannten Bindfaden aus. Dem schwarzen Teer wollte die Künstlerin mit Atelier im Merker-Areal Baden etwas Farbe entgegensetzen. Und weil sie nie nach konventionellen Vorgehensweisen sucht, wurde sie in der Apotheke fündig. Dort entdeckte sie die Jod-Lösung Mercuchrom. Das orange Desinfektionsmittel ruft die aufgeschürften Knie aus Kindheitstagen ins Gedächtnis. Aus dem mit Pipette und Pinsel aufgetragenen Antiseptikum entstanden die Pendants zu ihren Teerbildern. Die gesamte Serie strahlt eine eigenwillige Schönheit aus und erinnert nicht mehr an die Umweltkatastrophe, die für Obrist der Auslöser war. Das findet sie gut so. «Ich will niemandem meine Weltanschauung aufs Auge drücken», sagt sie. «Jeder Betrachter soll seinen eigenen Zugang zu meiner reduzierten Formensprache finden.»

 

Ein durchdachtes Konzept

Ruth Maria Obrist hat für ein neues Grabfeld im Badener Friedhof Liebenfels eine Skulptur in Form eines Schiffes aus Bronze gestaltet, die am 1. September eingeweiht wird. Die zerbrochenen Schiffsrümpfe in der Galerie 94 sind aus Hunderten von millimeterdicken, exakt zugeschnittenen und  übereinander geschichteten Kartonbahnen entstanden und wirken so kompakt, als ob sie aus Holz wären. Was andere als Sisyphusarbeit ansehen würden, reizt die langjährige Lehrbeauftragte an der Schule für Gestaltung in Zürich. Sie näht geometrische Formen aus Folie von Hand mit unzähligen, exakten Zickzackstichen zu skulptural wirkenden Objekten zusammen. Zeichnet die Umrisse ein und derselben Person tausendfach übereinander, bis auf der komplett übermalten Fläche eine Art Relief entsteht. 

Das hört sich irgendwie verrückt an, doch jeder Arbeit geht ein durchdachtes Konzept voraus. Obrist ist eine Tüftlerin. Eine, die das Mögliche im scheinbar Unmöglichen sucht. Und vor allem die Kunst der Reduktion auf das Maximum ausreizen will. Nicht immer gehen ihre Pläne so auf, wie sie sich das vorgestellt hat. Ihre Würfelexponate aus Holz beschichtete sie mit Weissleim, bis die eingehämmerten Stahlnägel völlig zugedeckt waren. Doch sie fingen unter der flüssigen Masse an zu rosten. Und wurden plötzlich wieder sichtbar, als der Leim trocknete. Was verschwunden zu sein schien, kam wieder an die Oberfläche. Genauso wie die Überreste aus den versunkenen Kriegsschiffen im Meer. 

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Kommentar erstellen

Im Bann des dreidimensionalen Drucks

Michael Roggli druckt dreidimensional. Seine faszinierende und irritierende... Weiterlesen

«Es wird nicht einfach Hollywood gezeigt»

Am 17. Römertag in Brugg-Windisch haben Kamele ihren grossen Auftritt. Weitere... Weiterlesen

region

Die Welt auf den Kopf stellen

Die Proben von «kopfüber» von Tanz und Kunst Königsfelden gehen in die letzte... Weiterlesen 0 Kommentare

region

Abschied von einem weisen Menschen

Mit den Angehörigen nahm eine grosse Trauergemeinde an einer würdigen Feier in... Weiterlesen 0 Kommentare

region

Hommage an Joachim Raff

Dem lange vergessenen Schweizer Romantiker Joachim Raff widmet das Badener... Weiterlesen 0 Kommentare