Nicht beachten will geübt sein

Für einmal beginnt der Unterricht der Primarschulklasse 4h in Brugg mit frohem Gebell. Die Schüler nehmen am Projekt «Prevent a bite» teil.

Geradeaus schauen: Schülerinnen der Klasse 4h üben mit Rolf Barfuss und Amy
Geradeaus schauen: Schülerinnen der Klasse 4h üben mit Rolf Barfuss und Amy (Bilder: aru)

von
Annegret Ruoff

09. Mai 2018
09:40

Präventionsprojekt «Prevent a bite

Das Präventionsprojekt «Prevent a bite» Aargau richtet sich an Kindergärten und Schulklassen, mit dem Ziel, durch Hunde verursachte Beissunfälle zu minimieren und den Kindern korrektes Verhalten in Alltagssituationen zu vermitteln.

Mittels Rollenspielen können Ängste abgebaut und das richtige Verhalten bei Begegnungen mit Hinden geübt werden. «Prevent a bite» wird empfohlen vom Verband Aargauer Kynologen, von der Schweizerischen Tierärztlichen
Vereinigung für Verhaltensmedizin und vom Bundesamt für Veterinärwesen.

www.preventabite-aargau.ch 

Schnüffelnd erkunden Amy, Fairy und Vai-Juna an diesem Morgen die Hallwyler-Turnhalle. Dann legen sie sich auf ihre Decken und machen ein Nickerchen. Als draussen im Gang Kinderstimmen zu hören sind, spitzen sie die Ohren. Gespannt schauen sie den Schülerinnen und Schülern der Klasse 4h zu, welche, begleitet von Lehrerin Cécile Monnard und Assistenz Verena Parmar, die Turnhalle betreten und auf den Sitzbänkchen Platz nehmen. 

 

Trainingshunde im Einsatz

Dann begrüsst Ursula Känel die muntere Runde. «Wer von euch hat einen Hund?», fragt sie. Zwei Kinder strecken auf. Hätte Känel gefragt, wieviele sich einen Hund wünschen, wären wohl alle Hände nach oben geschnellt. Geschickt schlägt die Fachfrau den Bogen zum Präventionsprojekt «Prevent a bite», an welchem die Schulklasse in den zwei kommenden Stunden teilnimmt. Es hat zum Ziel, Beissunfälle zu minimieren und den Kindern korrektes Verhalten in Alltagssituationen mit Hunden zu vermitteln. Ursula Känel weiss, wie man Kinder abholt. Als Projektleiterin von «Prevent a bite» führt sie zwischen 35 und 40 Workshops im Jahr durch. 

Mit im Team sind an diesem Morgen auch die Hundehalter Rolf Barfuss, Denise Stillhart und Rahel Rohrer. Ihre Tiere gehören einem Pool von rund zwölf Hunden an, die für «Prevent a bite» Aargau im Einsatz sind. Um am Präventionsprojekt teilzunehmen, müssen die Hunde wesensstark, gutmütig und gehorsam sein und jährlich eine Eignungsprüfung ablegen. 

 

Üben mit «Wulli Wuff»

Doch bevor Amy, Fairy und Vai-Juna zum Einsatz kommen, ist «Wulli Wuff» an der Reihe. Ins Hundekostüm hat sich heute Irene Buser gestürzt. Durch das Rollenspiel können, ganz unverkrampft, Situationen gezeigt und geübt werden, bevor sie mit echten Hunden durchgeführt werden. Im Vorfeld des Workshops war Ursula Känel noch unsicher, ob «Wulli Wuff» bei den Viertklässlern gut ankommt. Meistens arbeitet sie mit kleineren Kindern vom Kindergarten bis zur dritten Klasse, wo der spielerische Zugang eine grosse Rolle spielt. Die Viertklässler stören sich aber keinen Moment an der sympathischen Hundefigur und sind ganz bei der Sache, als Ursula Känel mit «Wulli Wuff» die erste Szene vorzeigt. Dabei gehts um die Frage, wie man unbeschadet an einem Hund vorbeiläuft. Die Projektleiterin demonstriert, dass man einen Bogen um das Tier machen und dabei den Blick in Laufrichtung fokussieren kann. In Gruppen üben die Schüler die Situation zuerst mit «Wulli Wuff», dann sind die echten Hunde dran. Auch wenn am Anfang noch hier und da ein verlegenes Kichern zu hören ist: Nach kurzer Zeit sind alle hochkonzentriert bei der Sache. 

Dann folgt die nächste Herausforderung: Wie begegnet man einem Hund, der vor einem Geschäft angebunden ist? Auch hier erklärt Ursula Känel, dass man einen Bogen um den Hund machen und ihn nicht beachten soll. Immer wieder macht die Kursleiterin den Kindern klar, dass es wichtig ist, Situationen nicht zu interpretieren, sondern sachlich zu beobachten. Nicht immer bedeute Schwanzwedeln Freude, nicht jeder Hund sei gleich, und auch bekannte Hunde könnten in Situationen immer wieder neu reagieren, so Känel. «Ich empfehle euch, die Verhaltensregeln einzuhalten, auch wenn ihr den Hund vom Nachbarn trefft», sagt die Expertin. Die Kommentare von «Wulli Wuff» helfen den Kindern, zu verstehen, wie Hunde ticken, was für sie von Interesse ist und was sie langweilt.

  • Die Leiterin Ursula Känel erklärt den Kindern das Vorgehen
  • Denise Stillhart und Fairy
  • Rolf Barfuss und Amy
  • Rahel Rohner und Vai-Juna

Stehen bleiben und wegschauen

Der Schwierigkeitsgrad der Situation steigert sich. Die Schülerinnen und Schüler begegnen nun einem Hund, der gerade beim Fressen ist. «In dieser Situation gibt es ganz viele Beissunfälle», weiss Ursula Känel. Auch hier gelte es, einen Bogen um den Hund zu machen und ihn nicht zu beachten. Das ist, wie die Kinder an diesem Morgen merken, gar nicht so einfach. «Nicht beachten will geübt sein», motiviert sie Känel. Beim Austausch nach den Übungen teilen die Kinder ihre Fragen, Beobachtungen und Bemerkungen mit.

Nach der Pause wird Fangen gespielt. Freudig rennen dieSchüler durch die Halle. Was, wenn ein frei laufender Hund dazu kommt? Ursula Känel zeigt vor, wie das Tier auf lautes Schreien, fuchtelnde Hände oder Davonrennen reagiert. Dann demonstriert sie das Gegenteil: stehen bleiben, Hände runter und wegschauen. Es funktioniert. Gelangweilt wendet sich der Hund ab. «Alles, was sich bewegt, zappelt, gestikuliert, ist für Hunde spannend», sagt Ursula Känel. «Noch immer haben sie ein Stück Wolf in sich, das auf die Jagd ausgerichtet ist», erklärt sie. 

Begeistert üben die Kinder die Regel «Stillstehen, stillsein, Hände runter, wegschauen» in verschiedenen Situationen. Dann sind sie bereit für den Notfallplan. Was tun, wenn ein frei laufender Hund bellend auf sie zustürmt und sie zu Fall bringt? «Rollt euch wie ein Igel ein, verschränkt die Hände im Nacken und versucht, so langweilig wie möglich zu sein», rät Ursula Känel. Prompt setzen die Kinder das Gesagte um. Kein Laut ist zu hören, als die drei Hunde sie im Vorbeigehen beschnuppern.

Zum Schluss folgt das Zückerchen: Wie geht man vor, wenn man einen Hund streicheln möchte? Auch hier weiss Ursula Känel Rat: «Erst den Besitzer fragen, danach den Hund beim Namen rufen und dann vom Hals her streicheln. Der Kopf ist tabu.» Bei dieser Übung möchten die Kinder gar nicht mehr aufhören. Auch Amy, Fairy und Vai-Juna wedeln mit dem Schwanz. Es scheint, als falle ihnen der Abschied nach den zwei Stunden ebenso schwer wie den Schulkindern.

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