«Hier wird das Leben gefeiert»

Die Brugger Lyrikerin Doris Gautschi begleitete ihre Mutter in den Tod. Dabei wurde ihr das Hospiz in Brugg zum zweiten Zuhause.

Noch immer geht sie hier gerne ein und aus: Doris Gautschi zu Besuch im Hospiz in Brugg
Noch immer geht sie hier gerne ein und aus: Doris Gautschi zu Besuch im Hospiz in Brugg (Bilder: aru)

von
Aufzeichnung: Annegret Ruoff

11. Oktober 2017
09:00

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Welt-Hospiz- und Palliativ-Tag

Unter dem Titel «Am Ende zählt der Mensch – Am Ende zahlt der Mensch» lädt Palliative Aargau zur Filmvorführung mit anschliessen- dem Podium ein. Gezeigt wird der Film «Puls vor Ort» zum Thema Palliativmedizin. Im Anschluss  diskutieren Fachleute, darunter die Palliativmedizinerin Gaby Fuchs, Max Moor, Geschäftsleiter Spitex Verband Aargau, und Dieter Hermann, Geschäftsführer Hospiz Aargau. Anmelden kann man sich unter www.odeon-brugg.ch/palliativaargau

Samstag, 14. Oktober

11 bis 14 Uhr, Odeon Brugg 

www.palliativ-aargau.ch  

www.hospiz-aargau.ch 

«Als meine schwer krebskranke Mutter während ihres letzten Klinikaufenthalts zunehmend schwächer wurde und geistig durcheinander war, wussten wir: Jetzt geht es nicht mehr daheim. Gleichzeitig war es für den Eintritt in die Palliativ-Abteilung eines Spitals noch zu früh. Doch wohin dann? Eine Case-Managerin machte uns aufs Hospiz in Brugg aufmerksam. Noch am selben Abend rief ich dort an. Mir war aufgrund der fortgeschrittenen Zeit etwas mulmig zumute. ‹Bei uns können Sie Tag und Nacht anrufen›, beruhigte mich die Stimme am Telefon, ‹es ist immer jemand da.›

Schon dieser erste Satz liess etwas in mir zu Ruhe kommen. Wir besprachen die Situation, und die Frau sagte mir, ich könne jederzeit vorbeikommen, auch heute noch. Ich rief meinen Vater an, und eine Stunde später standen wir im Hospiz. Es war, als kämen wir in eine Wohnung, alles war so gemütlich und so offen. Die Patientenzimmer waren mit Vorhängen abgeschirmt. Diese Nähe und Geborgenheit beeindruckte mich. Und alles war voller Blumen. Wie gemacht für meine Mutter, die bunte Sträusse über alles liebte! 

Mein Vater und ich verliessen das Hospiz in guter Stimmung. Beide hatten wir das Gefühl: Das ist ein guter Ort für Mama. Am nächsten Tag nahmen wir die nötigen Abklärungen in Angriff. Dann ging es ganz schnell, und schon nach ein paar Tagen wurde ein Zimmer frei. 


auf einmal dieser zuspruch – ich muss dem abschied nicht gewachsen sein und die trauer nicht fürchten


Als Mama aus dem Lift stieg, war es, als hätte das ganze Hospiz sie erwartet. Eine Pflegerin führte sie ins Zimmer, dort standen Blumen und ein Kärtchen bereit. Vom ersten Tag an war da dieses Gefühl: Hier hat man Zeit für uns. Im Spital, da war ich Angehörige, und wenn ich kam, dann kam ich zu Besuch. Hier im Hospiz gehörte ich einfach dazu. Ich ging ein und aus, und wenn ich eintrat, zog ich die Hausschuhe an, wie alle anderen auch. Dies war ein Ort, wo wir als ganze Familie ankommen konnten. Weisse Kittel gab es keine, alle trugen Alltagskleidung, man begegnete sich auf Augenhöhe. 


dieser weiche trost hinter meiner stirn, wenn ich das rosenzimmer betrete


Wenn ich das Hospiz jeweils verliess und in meine Wohnung zurückkehrte, fühlte ich mich gestärkt, getragen und beschenkt. Egal, ob ich gerade weinte oder lachte, an diesem Ort hatte alles Platz und wurde mitgetragen. Auch unser Singen, Musizieren und Ausgelassensein, als es Mama noch besser ging. Egal, ob wir zusammen ein Bier tranken oder uns in der Cafeteria eine Runde Chäschüechli bestellten: Stets ging es um Lebensqualität. Das Leben wurde ebenso gefeiert wie das Sterben gewürdigt. 

An Weihnachten assen wir alle in Mamas Zimmer. Während wir spazieren waren, hatte eine Mitarbeiterin eine wunderbare Festtafel eingerichtet, mit weissen Tischtüchern, Servietten und goldenen Sternen. So liebevoll! Diese letzte Weihnachtsfeier mit Mama wird uns für immer in Erinnerung bleiben.


herzschlaglang und länger noch –  bin ich dankbar 

Die Achtsamkeit des Personals gegenüber Patienten und Angehörigen hat mich beeindruckt. An diesem Ort, wo gelebt und gestorben wird, sind die Mitarbeitenden sehr authentisch. Und alles, was lustvoll und für das Leben ist, wird unterstützt. Der Fokus liegt auf dem Lebendigen. Das Sterben gehört dazu, ganz natürlich. Mir kam dieses je länger je mehr vor wie eine Geburt. Dass das Hospiz im ehemaligen Frauenspital eingerichtet ist, passt.

An jedem Tag, den ich bei Mama verbrachte, durfte ich etwas Schönes erleben. Es gab keinen Abend, an dem ich nicht ein Brösmeli Glück mit nach Hause trug, obwohl meine eigene Mutter im Sterben lag.


wir lachen und weinen, weil von dem wenigen noch soviel übrig bleibt


Mein Umgang mit dem Tod hat sich während dieser Zeit total verändert. Ich habe erfahren, dass es keinen gewaltsamen Schnitt gibt, der alles beendet. Viele meiner Ängste wurden weniger, vor allem diese Grundangst – die Angst vor dem Sterben. Ich lernte, wie selbstverständlich es sein kann, die Kontrolle abzugeben, sich zu übergeben – in etwas Neues hinein. Wenn Mama wirre Dinge sagte, sich einnässte und immer mehr auf Hilfe angewiesen war: Nie war es beschämend oder entwürdigend. Im Gegenteil: Gerade in diesen Situationen war jemand da, hat geholfen und begleitet. 


wir kommen uns so klein vor, aber wir müssen keine helden sein – weder im leben noch im sterben 


Leiden musste meine Mutter nie. Hatte sie starke Schmerzen, wurde nicht lange zugewartet. Mit medizinischer Sorgfalt und Kompetenz tat das Personal alles, um ihren Schmerz zu lindern. Unsere Familie wurde im Gespräch informiert, und wo es um ethisch anspruchsvolle Fragen ging, suchten wir gemeinsam nach einer Lösung. 

Beim letzten Atemzug dabeizusein, ist eindrücklich. Ich bin froh, dass ich an diese Phase sanft herangeführt wurde. Immer weniger war möglich, Mamas Leben wurde buchstäblich zurückgefahren. Dass das Personal im Hospiz uns so fachkundig zur Seite stand und uns aufmerksam und vermittelnd jeden kleinen Schritt erklärte, war enorm wertvoll.


es ist eine langsame stille, die auf dich zukommt 


Und dann kam dieser Tag, wo plötzlich alles anders ist: die Stimmung, der Geruch im Zimmer, der Klang der Stille. Mir war, als wäre Mama in einen tiefen, feierlichen Frieden eingetaucht. Valy, die Hospiz-Hündin, die sich sonst zu ihr gesellte, ging nicht mehr in ihre Nähe, auch ich legte mich nicht mehr neben sie. Instinktiv wusste ich: Mama braucht jetzt ihren Raum. Und irgendwann kam dieser Augenblick, wo ich mir sicher war: Jetzt ist sie bereits auf der anderen Seite.» 


hier könnte der letzte atemzug auch der erste sein 

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