«Hier fehlte ihm der Widerhall»

Friedrich Theodor Fröhlich komponierte ein breites Werk. Wenig ist davon bereits erschlossen. Musikwissenschaftler Tom Hellat hofft, dass es bald mehr wird.

Wäre manchmal gerne ein Romantiker: Musikwissenschaftler Tom Hellat
Wäre manchmal gerne ein Romantiker: Musikwissenschaftler Tom Hellat (Bild: zVg)

von
Annegret Ruoff

18. Januar 2018
09:00

Tom Hellat, 36

ist Musikwissenschaftler und seit 2013 auf der Geschäftsstelle des Aargauer Kuratoriums für klassische Musik zuständig. Zudem arbeitet er als Kulturjournalist.

Zweiter Fröhlich-Tag
Der Brugger Komponist Friedrich Theodor Fröhlich

Die Veranstaltung lädt ein zur Entdeckung des Brugger Komponisten Friedrich Theodor Fröhlich (1803–1836). Während des ganzen Tags werden Werke des Komponisten aufgeführt, darunter, erstmals seit 1836, einige seiner Kinderlieder und ein Frauenchor aus Goethes Faust. Auch das Streichquartett g-Moll wird zum ersten Mal in Brugg gespielt. Musikwissenschaftliche Hinweise und Briefpassagen ergänzen den Tag.


Sonntag, 21. Januar 2018, Rathaussaal Brugg

Mehr Informationen

Tom Hellat, hätten Sie gerne zur Zeit von Friedrich Theodor Fröhlich gelebt?

Oh, ja! Damals, in der Romantik, ist so viel passiert. Nach einer Welle der Technisierung und Wissenschaftsgläubigkeit wollte man, wie Joseph von Eichendorff es ausdrückte, die Welt wieder «zum Singen» bringen. In jedem Wesen suchte man das Menschliche. Damals weinte selbst ein Blümchen. Dieser Gedanke gefällt mir. Ja, ich wäre gerne ein Romantiker, zumindest für eine Woche. Danach hätte ich wohl genug von diesem Rausch.

 

In welchem Bereich hätten Sie sich gut mit dem Komponisten Fröhlich verstanden?

Wenns ums Trinken ging, vielleicht? Nein, im Ernst. Friedrich Theodor Fröhlich wäre mir als sehr empfindsamer und feiner Mensch wohl nahe gewesen. Zugleich ist mir bewusst: Er war kein Einfacher. 

 

Wo wäre es zwischen Ihnen beiden schwierig geworden?

Wohl dort, wo er Traum und Wirklichkeit nicht mehr zusammenbrachte. So hat er zum Beispiel seine geliebte Frau als «Engel» verherrlicht und sie zugleich betrogen. Fröhlich hatte problematische Seiten, was ihn, das gebe ich zu, auch sehr interessant macht. Zum Schluss seines Lebens war er total zerrissen. Dass er durch einen Suizid aus dem Leben schied, erstaunt mich nicht. 



Womit hat er denn gehadert?

Ich denke, es war die Diskrepanz zwischen seiner Zeit in Berlin, wo er die «High Time» seines Lebens verbrachte, und der Rückkehr in die Aarauer Provinz. Dort fühlte er sich nicht verstanden. Mir kommt es so vor, als hätte er nach der «Verzückungsspitze», wie Nietzsche es nannte, den Abstieg in die Kleinstadt nicht wirklich geschafft. Was Fröhlich in Berlin geatmet hatte, konnte er in Aarau nicht umsetzen. Deshalb ging er wohl so hart ins Gericht mit den Bewohnern dieser Stadt, die er auch mal als «Steinböcke» bezeichnete.

 

Muss man denn einen Grossteil der Misere des Komponisten seinem Umfeld zuschreiben? Oder eher seiner Persönlichkeit?

Ein Teil davon war sicher situationsbedingt. Während in Deutschland die Romantik bereits angebrochen war, hinkte die Schweiz hintennach. Was sich im Nachbarland musikalisch etabliert hatte, erschien hierzulande viel zu gewagt. Fröhlichs Klangsprache war für Schweizer Verhältnisse sehr eigen. Und Berlin war weit weg. So fehlte ihm das Verständnis, der künstlerische Widerhall. Als Komponist lebte er andauernd zwischen diesen Welten, diesen Fronten. 

 

Als Friedrich Theodor Fröhlich mit erst 33 Jahren starb, hinterliess er nicht nur ein umfangreiches, sondern auch ein breit gefächertes Werk. War das zu jener Zeit gang und gäbe?

Damals komponierte man in der Tat breit und viel. Was die Schweiz angeht, war Fröhlich sicher eine Ausnahmeerscheinung. Vergleicht man ihn hingegen mit Mendelssohn, sieht es anders aus. Zum romantischen Gedanken gehörte es, alle Felder zu beackern, sodass Kunst und Leben eins wurden. Es war eine universalistische Zeit, und die Komponisten waren Generalisten. 

 

Und wo liegen bei der Breite dieses Werks die Höhepunkte? 

Die Streichquartette finde ich schlicht fantastisch. Die kann man durchaus einem Mendelssohn gegenüberstellen. Zumal man Fröhlich oft vorwirft, er habe diesen kopiert. Ich kann dem nicht beipflichten. Persönlich bin ich überzeugt von der Eigenständigkeit der musikalischen Sprache in vielen Werken Fröhlichs.

 

Was meinen Sie damit?

Harmonische Wagnisse, metrische Verschiebungen, avantgardistische Tendenzen. Und viel Herzblut.

 

Unzählige von Fröhlichs Kompositionen lagern noch im Untergrund der Universitätsbibliothek Basel. Sie aufzuarbeiten und ins moderne Notensystem zu übersetzen, ist enorm aufwendig. Lohnt sich das überhaupt?

Hier bricht bei mir, unabhängig vom Forschungsauftrag, auch eine persönliche Neugierde durch. Ich finde es wichtig, dieses Werk zugänglich zu machen. Zum einen, weil es immer spannend und aufschlussreich ist, unbeackertes Terrain zu erschliessen. Zum andern, weil ich überzeugt bin, dass sich das Werk dieses Komponisten zu entdecken lohnt. 

 

Was davon möchten Sie am ehesten zugänglich machen?

Mich faszinieren die Vokalwerke, die Lieder, Psalmen, Kinderlieder, aber auch die Klavierwerke. 

 

Sie haben sich intensiv mit den Briefen von Friedrich Theodor Fröhlich an Wilhelm Wackernagel beschäftigt. Aus diesen werden Sie am Fröhlichtag lesen. Was beeindruckt Sie daran?

Die Briefe faszinieren mich in ihrer literarischen Gestaltung. Und sie sind – im Gegensatz etwa zu den Briefen von Bach – sehr spannend zu lesen. Unter anderem habe ich viel über die Organisation des damaligen Aargauer Bildungswesens erfahren, wo man gerade dran war, den musikalischen Schulunterricht zu etablieren. Daneben sind die Briefe von Fröhlich einfach wunderbar romantisch und authentisch. Sie gehen eins mit dem Wesen seiner Musik: facettenreich, schillernd – und tief empfunden. 

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