«Eine Altstadt lebt auch ohne Läden»

Peter C. Beyeler will keine Altstädte retten. Er rät, Veränderungen aktiv aufzunehmen. Und gemeinsam eine Strategie zu finden.

Engagiert sich für die 13 Aargauer Altstädte: alt Regierungsrat Peter C. Beyeler
Engagiert sich für die 13 Aargauer Altstädte: alt Regierungsrat Peter C. Beyeler (Bild: zVg)

von
Annegret Ruoff

12. Januar 2018
17:00

Runder Tisch

Die Veranstaltung «Altstadt Brugg – Auslaufmodell oder Zukunftsquartier?» wird von verschiedenen Altstadt-Gruppierungen gemeinsam organisiert. Sie haben sich, enttäuscht von den Partizipationsverfahren seitens der Stadt, zusammengetan, um einen Runden Tisch zur Entwicklung der Altstadt ins Leben zu rufen. Zum Start referiert Peter C. Beyeler, Präsident der IG Aargauer Altstädte. Anschliessend Diskussion und Apéro.


Mittwoch, 17. Januar, 19 Uhr
Rathaussaal
www.aargauer-altstaedte.ch 

Peter Beyeler, welche der Aargauer Altstädte ist Ihnen am vertrautesten?

Natürlich sind mir von meiner Tätigkeit als Regierungsrat her alle bekannt, inklusive ihrer spezifischen Probleme. Am besten kenne ich aber die Altstadt von Baden, wo ich seit bald 35 Jahren wohne.


Was gefällt Ihnen daran? Und wo liegen, im Gegenzug, die Probleme?

Ich finde es schön, dass die Badener Altstadt an die Innenstadt angebunden ist und nicht irgendwo abseits liegt. Schwierig hingegen ist, dass der Entwicklungsprozess der Stadt, der ja Einfluss hat auf die Altstadt, den schnellen Veränderungen der heutigen Zeit hinterherhinkt. Im Moment dreht sich vieles um den «Wandel des Handels», also die Veränderungen im Detailhandel. Läden werden geschlossen, es finden sich keine neuen Mieter, und dann stehen die Lokale leer. Um auf diesen Trend angemessen reagieren zu können, müssen frühzeitig Strategien entwickelt und Mittel bereitgestellt werden. Da sich vieles schnell verändert, ist die Herausforderung gross. 


Was die leer stehenden Ladenlokale angeht, positioniert sich das von der IG Aargauer Altstädte soeben veröffentlichte Grundlagenpapier sehr klar. Es rät zu einer «Kultur der Vollbelegung».

Das ist richtig, heisst aber nicht, dass aus leer stehenden Ladenlokalen um jeden Preis wieder Geschäfte werden müssen. Wir haben einen freien Markt, und es wäre falsch, die Altstädte zu retten, indem man den Status quo aufrechterhalten will. In Zeiten, wo wir damit rechnen müssen, dass der Detailhandel weiter schrumpft, kann der Entscheid einer Stadt für eine zentrale Einkaufsmeile anstelle einer verstreuten Ladenstruktur richtig sein. Das bedeutet aber nicht, dass dadurch das Sterben der Altstadt gefördert wird. Es ist bloss eine mögliche längerfristige Option, mit einer aktuellen wirtschaftlichen Veränderung umzugehen.


Schon sind wir mittendrin im Dilemma von Retten versus Entwickeln. Was macht das Ringen um die Zukunft der Altstädte eigentlich derart komplex?

Es gibt sehr viele Interessenträger, darunter Hauseigentümer, Gewerbetreibende, Bewohner, Stadtplaner, die Denkmalpflege, den Tourismus. Die Kunst besteht darin, alle in eine Entwicklungsstrategie zu integrieren. Damit meine ich nicht einfach ein Leitbild, sondern einen Prozess. Und dieser muss, wenn er gelingen soll, aktiv geführt werden. Aus Gründen der Ressourcen ist es in der Regel nicht möglich, dass Bürger oder Hauseigentümer die Leitung übernehmen. Auch nicht das Gewerbe. Die Federführung in diesem Prozess muss bei der Stadt liegen. Und es ist an ihr, alle Beteiligten zu einer gemeinsamen Entwicklungsstrategie zusammenzuführen. Wichtig ist, dass dies nicht in einer diktierenden, sondern in einer dirigierenden Art und Weise geschieht.


Und wie sieht das konkret aus?

Im Idealfall engagiert die Stadt einen «Stadtkümmerer», wie wir ihn nennen. Er ist zuständig für die Koordination der Prozesse. Aber bitte, das ist kein Nebenamt, sondern ein anspruchsvoller und aufwendiger Job! Auch bedingt es, dass die Beteiligten so organisiert sind, dass sie konkret mitarbeiten können. Es braucht Delegierte, die sich verbindlich einbringen.


Sind denn im Aargau bereits solche «Stadtkümmerer» im Einsatz?

Es gibt bis anhin nur Stadtentwickler, die sich der Sache annehmen. Aber wir sind ja auch erst am Anfang. Und da ist es schon erfreulich, dass zum Beispiel Aarau und Baden einen Runden Tisch gegründet haben und gegenseitig in engem Austausch stehen.  


Immerhin, so steht es im Grundlagenpapier der von Ihnen präsidierten IG, sind die Altstädte «der Kern städtischen Lebens», den es zu stärken und zu fördern gilt. 

Die Funktion des Kerns der Altstädte ergibt sich aufgrund der baulichen Substanz, die ihre eigenen Strukturen hat. Kern ist also nicht gleichbedeutend mit dem aktuellen Zentrum einer Stadt. In Brugg beispielsweise steht die Altstadt in Konkurrenz zum Neumarkt. Da braucht es das Geschick, diese Teile so zu verbinden, dass sie funktionierend aufeinander abgestimmt sind. Die Entwicklung der Brugger Altstadt kann dazu führen, dass diese zur Hauptsache ein Wohnquartier wird. Und dieses kann auch gut leben ohne Beizen und Läden. 


Ehrlich gesagt, habe ich Mühe damit, mir die Brugger Altstadt als blosses Wohnquartier vorzustellen.

Altstädte sterben nicht aus ohne Beizen und Läden, sie verändern sich aber. Die Kunst ist, diese Veränderungen aktiv aufzunehmen und nicht gegen sie anzukämpfen. Geht die Entwicklung einer Altstadt hin zu einem Wohnquartier, sollen etwa Orte geschaffen werden, wo sich die Leute aufhalten und treffen können. Leben Menschen in einer Altstadt, darf von Aussterben keine Rede sein.


In Brugg gibt es zurzeit viele verschiedene Gruppierungen, die sich für die Altstadt engagieren. Ist diese Vielgleisigkeit nicht kontraproduktiv?

Zu Beginn eines Prozesses ist es gut, wenn viele Gruppierungen sich Gedanken machen und ihre Ideen einbringen. Danach aber muss man die Kräfte bündeln und eine gemeinsame Richtung verfolgen. Ohne gemeinsam abgestimmte Strategie wird es, gerade was politische Prozesse angeht, schwierig. Man kann das mit einem Unternehmen vergleichen. In einem Strategieprozess eines Unternehmens soll sich jede Abteilung mit ihren eigenen Vorstellungen einbringen. Am Ende entscheidet aber die Geschäftsleitung, in welche Richtung es geht. Dann muss die Strategie von allen mitgetragen werden.


Diese Art der Partizipation wird von den Altstadtgruppierungen in Brugg zuweilen vermisst. Ebenfalls sorgt die Diskussion darüber, ob sich die Stadt als Käuferin von Altstadtliegenschaften in den Entwicklungsprozess einbringen soll, immer wieder für rote Köpfe. Was raten Sie da?

Die Option, dass eine Stadt oder eine Stiftung der Stadt Häuser aufkauft, ist eine Möglichkeit, mitzubestimmen, was wie investiert wird. Damit kann die Stadtentwicklung entscheidend beeinflusst werden. Zürich hat mit dieser Strategie, gerade im Quartier der Langstrasse, gute Erfahrungen gemacht. Auch Laufenburg hat jüngst 20 Millionen gesprochen für den Kauf von Liegenschaften.


Mittlerweile sind Sie ja, zumindest, was den Aargau angeht, zum Experten für Altstadtentwicklung geworden. Wo gelingt dieser Prozess optimal?

Der Prozess gelingt, wenn anerkannt wird, dass er sehr vernetzt ist und Ressourcen braucht. Vieles ist auch schon umgesetzt worden. So hat sich Aarau in den letzten Jahren sehr gut entwickelt mit der Aufwertung des Strassenraums, unter anderem durch die Aufdeckung des Stadtbachs. Lenzburg wiederum hat am Rand des Altstadtquartiers Neubauten erstellen lassen, die sehr gut integriert sind. Wichtig ist, dass man sich von diesen Beispielen inspirieren lässt und anerkennt: Bei der Entwicklung einer Altstadt geht es immer um ein Gesamtes. Der Markt regelt vieles, aber nicht alles – und schon gar nicht die Qualität eines vernetzten Raums. Die Qualität des Ganzen, also der Altstadt, ist zwar abhängig von der Qualität des Einzelnen. Wenn die Entwicklung einer Altstadt optimal gelingen soll, kann aber nicht jeder einfach frei entscheiden, was er machen will, sondern er muss bei seinen Entscheiden die Ziele der gemeinsamen Entwicklungsstrategie aufnehmen. 

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