Düstere Bilder setzen Glanzlichter

Das Aargauer Kunsthaus zeigt eine Reise durch die Schweizer Malerei in der Ausstellung «Blinde Passagiere». Es werden dort zwei Werke der Brugger Maler Adolf Stäbli und Wilhelm Schmid präsentiert.

Adolf Stäblis Malerei ist Erlebnis
Adolf Stäblis Malerei ist Erlebnis (Bilder: zVg)

von
Walter Labhart

10. Februar 2018
09:00

In der mit mehr als 250 Bildern von rund 130 schweizerischen Malerinnen und Malern bestückten Ausstellung in Aarau gibt es zwischen bekannten Namen wie Amiet, Böcklin, Koller oder Vallotton viel malerisches Neuland zu entdecken. Dutzende von unbekannten Kunstschaffenden vor allem aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts sind zwar «mit Qualitäten ausgestattet, die jenen ihrer berühmten Zeitgenossinnen und Zeitgenossen nicht nachstehen», mussten sich aber wie blinde Passagiere «auf Zwischendecks verbergen, im dunklen Bauch der Kunstgeschichte, ohne gültige Fahrkarte für die Unsterblichkeit.»


Einzigartige Ausstellung 

Das schreiben die beiden Kuratoren einer ereignishaften Ausstellung, wie sie nie zuvor in einem schweizerischen Museum zu sehen war, Thomas Schmutz (Sammlungskurator Aargauer Kunsthaus) und Peter Suter (Autor, Künstler und Sammler) im 318 Seiten starken Katalog. Er enthält literarische Beiträge von Stefanie Sourlier, Peter Suter und den Aargauer ­Autoren Klaus Merz (Unterkulm) und Michel Mettler (Klingnau). 

Die meisten Werke der unbekannten Kunstschaffenden stammen aus der Region Basel, ein knapper Zehntel aus dem Aargau. Unter diesen stechen zwei Gemälde von kunstgeschichtlicher Bedeutung in die Augen, das spätromantische Landschaftsbild «Sturm» von Adolf Stäbli (1842–1901) und die ebenso ausdrucksvolle Grossstadtszene «Luna» von Wilhelm Schmid (1892–1971). Sie wurden von Brugger Künstlern geschaffen und zählen trotz ihrer düsteren, dunklen Grundstimmung zu den Glanzlichtern der Sammlung des Aargauer Kunsthauses. 


Stäblis berühmter «Sturm»

Als Sohn des Brugger Kupferstechers und Zeichenlehrers Diethelm Stäbli in Winterthur geboren, bildete sich Adolf Stäbli bei Rudolf Koller in Zürich, in Karlsruhe und Paris aus, bevor er sich in München niederliess.

Als er dort starb, war er nicht nur mit dem Professorentitel, sondern zweimal mit einer Goldmedaille ausgezeichnet worden. 1897 erwarb die Stadt München eine grosse Birkenlandschaft von ihm, 1906 gelangte mit dem Ölbild «Sturm» eines seiner Hauptwerke in den Besitz der Sektion Aargau des Schweizerischen Kunstvereins. Das um 1895 entstandene Gemälde zeichnet sich durch eine dramatische Atmosphäre aus, die damals den grössten Gegensatz zu den idyllisch-sanften Landschaftsbildern der Aargauer Maler bildete. 

Eben erst aus der Ausstellung «Neu.Sachlich.Schweiz – Malerei der Neuen Sachlichkeit in der Schweiz» im Museum Oskar Reinhart in Winterthur zurückgekehrt, prangt Wilhelm Schmids im doppelten Sinn begehrte «Luna» unter den «Blinden Passagieren» im Aargauer Kunsthaus. Peter Suter schreibt dazu im Katalog: «Wie ein Sergeant der Fremdenlegion steht sie da, kehrt ihren Verehrern den Rücken und fährt als Keil zwischen versteinerte Begierde und blühende Wollust.» 

Wilhelm Schmid: «Luna» (in der Mitte, unten)
Wilhelm Schmid: «Luna» (in der Mitte, unten)


«Entarteter» Künstler

Der in Remigen geborene, beim Brugger Architekten Albert Fröhlich ausgebildete Maler und Architekt Wilhelm Schmid malte die von Männern mit mondsüchtigen Blicken bestarrte Kokotte 1920 in Berlin. Dort hatte er sich schon 1913 niedergelassen und 1918 die progressive «Novembergruppe» mitbegründet. Als die monumentale Mondfrau 1920 an der gros­sen Berliner Kunstausstellung gezeigt wurde, sorgte sie als «mondgelbes nacktes Ungetüm» und «ekelhaft-sexuelle Holzgliederpuppe» für einen Skandal. 

Der als Pionier der Neuen Sachlichkeit und des Magischen Realismus in die Kunstgeschichte eingegangene Aargauer Maler kehrte als «entarteter» Künstler 1937 in die Schweiz zurück. Sein letztes grosses Wandbild schuf er von 1968 bis 1970 im Schulhaus seiner Heimatgemeinde Remigen.

Für das Schaffen von Wilhelm Schmid, das demnächst in Potsdam zu sehen sein wird, hat sich 2007 die Kunstwissenschafterin Patricia Nussbaum mit einer Ausstellung im Kunstmuseum Olten und einer Monografie eingesetzt.


«Blinde Passagiere. Eine Reise durch die Schweizer Malerei», bis 15. April 
Aargauer Kunsthaus Aarau
www.aargauerkunsthaus.ch 

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