Der Schatz aus dem Sekretär

Weshalb hat das Dufourhaus in Brugg einen orientalischen Einschlag? Man erfährt es in Peter Belarts neustem Werk «Ein stilles Heimweh wird mir immer bleiben».

Peter Belarts jüngstes Werk basiert auf Briefen seiner Vorfahrin Marie Siegrist-Belart, die mit ihrem Mann Hans Siegrist im 19. Jahrhundert einige Jahre im damaligen Konstantinopel lebte. In das Aarestädtchen zurückgekehrt, erbauten sie das Haus «Sonnenberg» (heutiges Dufourhaus)
Peter Belarts jüngstes Werk basiert auf Briefen seiner Vorfahrin Marie Siegrist-Belart, die mit ihrem Mann Hans Siegrist im 19. Jahrhundert einige Jahre im damaligen Konstantinopel lebte. In das Aarestädtchen zurückgekehrt, erbauten sie das Haus «Sonnenberg» (heutiges Dufourhaus, Bild: sha)

von
Stefan Haller

19. April 2018
09:00

«L’Horloger du Sultan», also der Uhrmacher des Sultans – diesen Übernamen trug der Bözberger Lehrersohn Johannes «Hans» Siegrist (11. November 1822 bis 22. Dezember 1887). Er hatte es im Konstantinopel des
19. Jahrhunderts (heute Istanbul) zu beträchtlichem Wohlstand gebracht und war eine illustre Persönlichkeit. Just dieser Hans Siegrist spielte eine bedeutende Rolle im intensiven Briefverkehr von dessen Frau Marie Siegrist-Belart mit ihrer Mutter, welcher dem Journalisten und Buchautoren Peter Belart aus Schinznach die Grundlage für sein drittes Werk «Ein stilles Heimweh wird mir immer bleiben» lieferte. 

Peter Belart fühlte sich vom spannenden Leben seiner Ahnen schon immer in den Bann gezogen. Diese Faszination wurde befeuert durch tausende Briefe, die er im von seiner Grossmutter Margarete Belart-Meier geerbten Sekretär gefunden hatte. Der Autor bezeichnet diese Briefe seiner Vorfahren als «Schatz aus der Vergangenheit». Er erklärt: «Ich möchte die alte Zeit lebendig und nachvollziehbar machen.» Bereits sein Erstlingswerk «Meines guten Willens dürfen sie versichert sein» sowie das unmittelbar nach seiner Pensionierung vor zwei Jahren in Angriff genommene «Der Glanzpunkt meines Lebens» basieren auf diesen Briefen. Letzteres schilderte hauptsächlich die Amerikareise des Bruggers Carl Samuel Jäger, dessen Sohn als Pionier im Kampf gegen die Reblaus gilt. 

 

Spuren führen nach Osten

Doch zurück zu Belarts jüngstem Werk, dessen Spuren diesmal nicht über den Atlantik, sondern weit nach Osten, eben nach Konstantinopel führen. Der erwähnte wohlhabende Uhrenhändler Hans Siegrist verliebte sich möglicherweise auf einem Heimaturlaub in die 14 Jahre jüngere Brugger Bürgerstochter Maria Albertine «Marie» Belart. Wie sich die Brautleute kennenlernten und ob die Ehe allenfalls arrangiert worden war, weiss Peter Belart nicht. «Darüber steht nichts in den Briefen», meint er achselzuckend. Hingegen liefern die in der spitzen altdeutschen Schrift (auch «Sütterlin-Schrift» genannt) auf hauchdünnes Papier geschriebenen Briefe einen Beleg für das Alltagsleben des Brugger Ehepaars am Bosporus. Marie Siegrist-Belart war nämlich mit ihrem Gatten in den Schmelztiegel der Völker und Religionen gereist und hatte in den kommenden Jahren fünf Kinder geboren. Drei verstarben noch im Kindesalter, doch zwei überlebten, wobei es Emil Johann «Hans» (1860 bis 1931) als Arzt, Stadtammann von Brugg und späterer Nationalrat zu grosser Berühmtheit brachte.  

 

Ein Stück Konstantinopel in der Prophetenstadt

Dieser Hans Siegrist junior pflegte im Haus «Sonnenberg», das noch von seinen Eltern nach ihrer Rückkehr aus Konstantinopel erbaut worden war, viele gesellschaftliche Anlässe und Familienfest zu organisieren. Das damals noch allein stehende, an schönster Lage mit Blick auf die Aare gelegene Haus war sozusagen der Dreh- und Angelpunkt im gesellschaftlichen Leben des Prophetenstädtchens. Viel später wurde es von der Eidgenossenschaft erworben. Heute ist es unter dem Namen Dufourhaus bekannt. Im Moment wird das stattliche Gebäude nicht genutzt, es soll aber in naher Zukunft totalsaniert und in seinem Verwendungszweck neu definiert werden. Peter Belart erkennt beim Dufourhaus einen orientalischen Einschlag, vom Architekten wohl auf Geheiss des Uhrenhändlers Hans Siegrist so umgesetzt.

 

161 Briefe für die Nachwelt

Die grosse Arbeit sei, so Belart, nicht das Schreiben der Bücher, sondern das Transkribieren der filigranen Briefe in eine druckfähige Vorlage gewesen. Das Buch beinhaltet selbstverständlich nur einen kleinen, ausgewählten Auszug aus diesen Zeitzeugen. Marie Siegrist-Belart und ihre Mutter Veronika Belart-Henz schrieben sich praktisch jede Woche einen sehr ausführlichen Brief. Von diesen hunderten Briefen sind 161 erhalten. Peter Belart schätzt, dass dies ein Viertel bis ein Drittel aller zwischen Brugg und Konstantinopel auf dem Bahn- und Schiffsweg hin- und her beförderten Briefe sein dürfte. 

Mit ein wichtiger Beweggrund für den intensiven Briefwechsel zwischen Mutter und Tochter war das Heimweh, das von der Mutter noch zusätzlich geschürt wurde. «Das Heimweh von Marie ging nie weg. Der Luxus in der Ferne sagte ihr nichts; sie schätzte dieses Leben im goldenen Käfig nie sonderlich», ist der Autor nach Lektüre aller Briefe überzeugt. 

 

Intime Zeugen der Vergangenheit

Die Themen der Briefe, die immer sehr dicht, manchmal sogar überlappend, beschrieben wurden, sind für die damalige Zeit äusserst intim. Mutter und Tochter tauschten sich etwa über die Schwangerschaft und die bevorstehende erste Geburt von Marie aus. Diese nahm einen schweren Verlauf; die junge Frau wäre fast an Kindbettfieber gestorben. 

Weitere Themen waren Ausflüge, Kleidung, Rezepte, aber auch Klatsch und Tratsch sowohl aus Brugg als auch aus Konstantinopel. Die Mutter beschrieb Marie etwa die Ereignisse des Rutenzuges von 1859. Geschäftliches kommt laut Belart kaum vor in den Briefen, historische Ereignisse wie der Krieg auf Sardinien oder die Politik des osmanischen Reiches kamen ebenfalls nur am Rande zur Sprache. Es sind eindeutig die familiären und häuslichen Themen, die für Peter Belart den «wahren Schatz» ausmachen. «Solche Geschichten, die nur das Leben zu schreiben imstande ist, kann man nicht in einem Archiv nachlesen wie das Geburtsdatum oder die AHV-Nummer eines Menschen», ist der Autor überzeugt.

Buchvernissage «Ein stilles Heimweh wird mir immer bleiben»
Sonntag, 6. Mai, 17 Uhr
Stadtmuseum Brugg (Stäblisaal)

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