Das liederliche Leben der Badegäste

Geschichten lauschen und dabei die Füsse im Thermalwasser baden: Die Vollmond­lesungen in Baden haben ein besonderes Flair. Ende Jahr ist aber Schluss.

Vollmondlesung auf der Thermalbank mit Valérie Cuenod
Vollmondlesung auf der Thermalbank mit Valérie Cuenod (Bild: zVg/Sabrina Pugliatti)

von
Ilona Scherer

21. September 2016
05:00

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Die letzten Vollmond-Lesungen

Datum

  • Sonntag, 16. Oktober 2016, 20 Uhr 
  • Montag, 14. November 2016, 19 Uhr
  • Mittwoch, 14. Dezember 2016, 19 Uhr

Ort
Thermalbank am Limmatufer (unterhalb Limmathof Spa)

Mitbringen
Handtuch zum Abtrocknen

Mehr Informationen

Als der letzte von neun Glockenschlägen verklungen ist, taucht aus der Dunkelheit Valérie Cuenod auf. Ganz in Schwarz gekleidet, ist im weichen Licht der Nacht nur ihr Gesicht zu sehen. Mit einer Klangschale läutet die Schauspielerin und Stadtführerin ihre Lesung ein und zitiert ein lateinisches Sprichwort, das auf den Ort des Geschehens zugeschnitten ist: «Ubi aqua, ibi bene». Wo Wasser ist, ist es gut! «Liebe Nachteulen, herzlich willkommen», begrüsst Cuenod die Anwesenden auf der Thermalbank am Limmatufer. 

Schuhe und Socken haben die Gäste ausgezogen, ihre Füsse baden im Becken mit Thermalwasser, das direkt von der 47 Grad heissen Quelle abgeleitet wird und nun noch knapp 40 Grad beträgt. Manchen ist selbst das zu warm, sie setzen die Füs­se auf den Beckenrand. Im Hintergrund ist das Rauschen der Limmat zu hören, ab und zu fährt ein Bus über die Schiefe Brücke. Fledermäuse schwirren durch die Luft.


Dreijähriges Erfolgsrezept

Seit drei Jahren organisiert Info Baden diese (kostenlosen) szenische Lesungen jeweils bei Vollmond, in der Regel also einmal pro Monat. Die Teilnehmerzahl schwankt, je nach Wetter, zwischen einer Handvoll und mehreren Dutzend Zuhörenden. Einige sind «Stammgäste» auf der Thermalbank. Heute sind es 14, die trotz regnerischen Wetters ans Limmatufer gekommen sind. Valérie Cuenod liest aus dem historischen Kriminal- und Sittenroman «Die Gnade der Gnädigen» von Max Engel (2003). Sofort versetzt die Schauspielerin das Publikum dank lebhafter Rhetorik und authentischer Mimik ins lebensfrohe Baden des 17. und 18. Jahrhunderts. Vor allem die vornehmen Familien waren es damals, die nach Baden kamen – auch, um dem «puritanischen Leben in ihren Städten, so zum Beispiel dem Kleiderzwang in Zürich, entfliehen» zu wollen.

Die Hauptfigur, die in Böhmen geborene Cilla, darf als Zofe mit ihrer «reichen Bürgersfrau» von Burg mehrwöchige Ferien im Bäderquartier verbringen. Dabei lernt sie den «entzückenden Monsieur Ravissant» (sic!) kennen. Dieser zeigt den Damen nicht nur die freizügigen «Kleinen Bäder», wo unter anderem die Neapolitanische Galanterie-Krankheit (Syphillis) kuriert wurde. Nein, Monsieur Ravissant verführt Cilla in seinem Zimmer im Staadhof mit «Raffinessen, die kaum Grenzen kannten». Doch als Cilla eines Tages von einem der geheimen Rendez-vous zurückkehrt, macht Frau von Burg ihr ernste Vorhaltungen.

«Hatten die Damen etwas bemerkt? Sie wusste jetzt, dass sie den Bogen nicht überspannen durfte.» Mit diesen Worten beendet Valérie Cuenod die Lesung nach gut 20 Minuten. Die Fortsetzung folgt am 16. Oktober. Doch bevor sie ihre Gäste in die Vollmondnacht verabschiedet, gibt es noch das traditionelle «Bettmümpfeli». «Goethe oder Heine?», fragt Cuenod in die Runde. Einstimmig fällt die Wahl auf Heinrich Heines Gedicht «Süsser Mond». 


Zeit für neue Ideen

Nur der Hauptakteur, der Vollmond, fehlte zum perfekten Abend. «Warum haben wir das nicht schon früher gemacht?», sagt eine Besucherin aus Brugg zu ihren Freundinnen, während sie sich die Füsse abtrocknet. Viele Möglichkeiten bleiben nicht mehr! Bis Ende Jahr finden noch drei Vollmondlesungen statt, dann endet diese Reihe nach drei erfolgreichen Jahren. Ab 2017 soll eine neue Idee das Bäderquartier bereichern.

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