Beim Essen Schwellenängste abbauen

Einmal im Monat servieren Katharina Barandun und Gerardo Kersout Fremden und Freunden in Ennetbaden ein selbst gekochtes, kreolisches Abendessen.

Katharina Barandun und Gerardo Kersout in ihrer Küche
Katharina Barandun und Gerardo Kersout in ihrer Küche (Bilder: ub)

von
Ursula Burgherr

02. Januar 2018
09:00

«Viele Menschen leben in der Schweiz isoliert. Kontakt hat man – wenn überhaupt – mit Familie oder Freunden. Wir wollen mit ‹Eat & Meet› einen Begegnungsort für Menschen verschiedenster Herkunft bieten, die sich sonst nie treffen und untereinander austauschen würden», erzählt Katharina Barandun. Ihr Mann Gerardo Kersout, der aus Surinam stammt, bekocht die Gäste normalerweise mit kreolischen Speisen. Wegen der Feiertage gibt es heute ausnahmsweise Raclette. Und ganz viel wärmendes, romantisches Kerzenlicht. Geschmolzenen Käse zu essen, ist für Bassam etwas gewöhnungsbedürftig. Er ist wie sein Kollege Bashar aus Syrien in die Schweiz geflüchtet und freut sich über Gesellschaft. Danielle, die bei Netzwerk Asyl Aargau Deutschkurse gibt, hat die beiden mitgebracht. 

«Tafeln mit Menschen aus allen Welten» ist das Motto von «Eat & Meet»
«Tafeln mit Menschen aus allen Welten» ist das Motto von «Eat & Meet»


Die Plätze wechseln

Asylsuchende Menschen sind regelmässig Gast bei «Eat & Meet». «Weil man sich beim gemeinsamen Essen auf Augenhöhe begegnet, kommt man schnell ins Gespräch. So werden Vorurteile auf beiden Seiten abgebaut», erzählt Barandun. 38 Franken kostet das Dreigangmenü mit Getränken. Leute, die unter dem Existenzminimum leben, sind eingeladen. Beim Apéro gibt es eine kleine Einführung. Barandun animiert ihre Gäste, zwischendurch die Plätze zu wechseln, um mit anderen Personen ins Gespräch zu kommen. Dann läuft alles wie von selbst. «Bist du das erste Mal hier?», tönt es anfänglich oft noch zaghaft. Doch das Eis ist schnell gebrochen. Kevin, ein gut situierter Software-Ingenieur, ist mit seiner Frau Ernestine gekommen. Die attraktive Seniorin zeigt ihre beiden Bücher, die sie geschrieben hat, erzählt über ihre frühere Karriere als Model und den Kochkurs, welchen sie beim Schweizer Starkoch Anton Mosimann absolviert hat. «Letztes Jahr habe ich für einen Flüchtlingstransport in den Balkan zwei Lastwagen voller Decken und Kleider gesammelt», fügt sie hinzu. Zum «Eat & Meet» sei sie mit ihrem Gatten gekommen, um die Einsamkeit über die Feiertage zu überbrücken. Wie Ernestine bringen alle ein Stück ihrer Lebensgeschichte mit. Jessica aus Oensingen war früher Pferdezureiterin, arbeitet jetzt an einer Tankstelle und überlegt sich, ob sie eine Lehre als Hufschmiedin machen soll. Danielle hat sich autodidaktisch Arabisch beigebracht und beherrscht die Sprache perfekt. Umgekehrt ist aber auch das Deutsch von Bashar und Bassam schon recht gut. 


Lustige und traurige Episoden

Sie berichten von ihrem Aufenthalt in Flüchtlingscamps und ihren Familien, die sie vermissen. Viele Schicksale sind an diesem Abend zu erfahren. Lustige Episoden kommen genauso zu Gehör wie tragische Begebenheiten. Bei der gemeinsamen Mahlzeit mit fremden Menschen aus verschiedensten Gesellschaftsschichten und Kulturen zeigt sich die ganze Bandbreite des Lebens. 

Katharina Barandun und Gerardo Kersout haben sich beim Salsatanzen in Holland kennengelernt und sich für die Schweiz als Lebensmittelpunkt entschieden. Seit vielen Jahren bieten sie in ihrer zweistöckigen 
Ennetbadener Terrassenwohnung Bed & Breakfast an. «Für uns ist es selbstverständlich, in einem offenen Haus zu leben, wo fremde Leute ein- und ausgehen», meint Barandun. Beruflich macht sie sich in der sozialen Siedlungs-, Quartiers- und Nachbarschaftsentwicklung in einem Zürcher Wohnquartier stark. 

Gerardo sorgt derweil für das Wohl der Gäste, gibt regelmässig kreolische Kochkurse und bereitet dieSpeisen für das «Eat and Meet» zu. «Wir haben vor fünf Jahren mit der offenen Tafel für alle angefangen. Seither ist die Besucherzahl ständig gestiegen. Heute kommen zu jedem Anlass zwischen 15 und 25 Leute», freut sich Barandun. Nach dem Essen gibt es zur Abrundung eine kulturelle Darbietung. Publiziert werden die Daten von «Eat & Meet» auf Facebook und LinkedIn. Am besten funktioniert aber die Mund-zu-Mund-Werbung. Auch das Fernsehen SRF drehte schon einen Beitrag über das unkonventionelle Konzept von Barandun und Kersout. «Ich fände es schön, wenn auch andere Schweizer Familien einmal im Monat zum Beispiel einen Asylsuchenden bei sich zum Essen einladen würden. So könnten sie Ängste abbauen, und die Geflüchteten würden etwas Geborgenheit erfahren», meint sie. Mit ihrer Offenheit gegenüber Fremden wird sie aber wohl eine Ausnahmeerscheinung bleiben.

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