Eichelhäher sammeln Wintervorräte

Ab dem Spätsommer, wenn die die Eicheln reif sind, legen Eichelhäher diese als Wintervorrat an. Damit tragen sie zur Ausbreitung von Eichenwäldern bei.

Collage aus drei verschiedenen Bildern des gleichen Eichelhähers, aufgenommen innerhalb von ca. 5 Sekunden
Collage aus drei verschiedenen Bildern des gleichen Eichelhähers, aufgenommen innerhalb von ca. 5 Sekunden (Bilder: bhe)

von
Edith und Beni Herzog

29. November 2017
15:00

4 Kommentare

Im Herbst kann man oft Eichelhäher beobachten, die immer wieder die gleiche Flugroute zurücklegen – hin und her und hin und her. Bei genauerem Hinsehen stellt man fest, dass der Vogel auf dem Hinflug eine Eichel im Schnabel trägt, während der Rückflug «leer» stattfindet. Was jedoch von blossem Auge und auch mit dem Fernglas schwer erkennbar ist: die Eichel im Schnabel ist quasi nur die «Spitze des Eisbergs», sprich der sichtbare Teil der Ladung. Bei seinen Sammelflügen stopft sich der Eichelhäher nämlich weitere Eicheln in den Kehlsack, im Extremfall können dies bis zu 10 Stück sein. Die letzte Eichel hält er im Schnabel. Die Fotografie bringt es an den Tag – wie so oft. Am Hals des Vogels sind die Wölbungen sowie die oberste der im Rachen steckenden Eicheln deutlich erkennbar. 


Aber was geht da eigentlich vor sich? Warum schleppt der Eichelhäher solche Lasten mit sich herum? Wie es sein Name verrät, ernährt sich der Eichelhäher zur Hauptsache von Eicheln. Im Herbst und Winter sind die sehr nahrhaften Samen der Eiche seine Hauptnahrung. Es verschmäht aber auch die «Früchte» anderer Bäume nicht, wie etwa Bucheckern, Haselnüsse und Kastanien.


Nahrungsdepots für die Winterzeit

Seine Lieblingsnahrung ist nicht den ganzen Winter über beliebig verfügbar. Einerseits werden die Eicheln gerne auch von anderen Tieren gefressen, allen voran Wildschweine und Eichhörnchen. Andererseits werden sie von Schnee zugedeckt und sind dann schlecht auffindbar. Daher legt sich der Eichelhäher davon Wintervorräte an. Er wählt hierfür geeignete Plätze aus, die auch im Winter für ihn zugänglich sind. Der Vogel versteckt seine Vorräte in Spalten und Ritzen im Boden. Mit Schnabelhieben werden Eicheln, Bucheckern oder Haselnüsse hineingetrieben und grob zugedeckt. Er merkt sich die Stellen und orientiert sich beim Wiederauffinden der Vorräte an den Gegebenheiten der Landschaft resp. an markanten Geländepunkten wie Felsen, Bäumen oder Zäunen. Da er sich seine Verstecke merken kann, findet er die Nahrungsdepots auch unter einer Schneedecke wieder. Laut Untersuchungen in Deutschland kann ein einzelner Eichelhäher innerhalb von 20 Tagen bis 2200 Eicheln verstecken, das ergibt einen Vorrat von mehr als 10 kg!

Eichelhäher sammelt Vorräte
Eichelhäher sammelt Vorräte


Gärtner des Waldes

Sein Gedächtnis ist aber nicht perfekt. Einige der Eicheldepots findet er nicht mehr, oder aber er nutzt sie einfach nicht. Die so «verschonten» Samen schlagen im Frühling aus, im besten Fall wächst daraus eine neue Eiche. Der Eichelhäher wird daher auch als «Gärtner des Waldes» bezeichnet. Durch sein Verhalten trägt er wesentlich zur Verbreitung der Eichen bei. Da er vom Fundort der Eicheln bis zu den Depots oft grosse Stecken zurücklegt, breiten sich Eichenwälder schneller aus, als dies ohne das Zutun der Eichelhäher der Fall wäre.


Der Eichelhäher (Garrulus glandarius)

Der Eichelhäher ist ein Singvogel aus der Familie der Rabenvögel. Er ist prächtig gefärbt, besonders auffällig sind seine schillernden blau-schwarz gebänderten Federchen am Flügelbug. Markant ist sein schwarzer Bartstreif, sein Körpergefieder ist rötlichbraun. Stirn und Scheitel sind schwarz gestrichelt, Flügel und Schwanz schwarz. Im Flug kontrastiert der weisse Bürzel zur schwarzbraunen Färbung der Steuerfedern (Schwanzfedern). Die Geschlechter des Eichelhähers sind gleich gefärbt.

Eichelhäher bei Villnachern
Eichelhäher bei Villnachern


Beim Beobachten seines Fluges entsteht der Eindruck, dass er leicht unbeholfen fliegt. Dies rührt daher, dass seine Flügelschläge etwas unregelmässig sind.

Der Eichelhäher liebt Laub- und Mischwälder, bewohnt aber auch waldähnliche Habitate in Siedlungs­nähe, etwa Parks, Obstgärten oder alte Friedhöfe. Während der Brutzeit ist er sehr unauffällig. Ausserhalb der Brutzeit sieht man ihn oft in kleinen, zerstreuten Trupps auf Nahrungssuche. Im Geäst von Bäumen und Büschen hüpft der Rabenvogel mit langen, kräftigen Sätzen. Sucht er am Boden nach Fressbarem, wirkt  er relativ schwerfällig.

Im Herbst und Winter ist der Eichelhäher vor allem ein «Vegetarier». Neben seiner Hauptnahrung Eicheln sowie Bucheckern, Haselnüssen und Kastanien stehen allerlei Samen, Beeren und Früchte auf seinem Speiseplan. Findet er davon nicht genügend, weicht er auch mal auf Ackerfrüchte aus. Da heute grossflächig Mais angebaut wird, hat er sich in Form von Maiskörnern eine neue Nahrungsquelle erschlossen. 


Der Vegetarier wird zum Fleischfresser

Der bunte Rabenvogel führt eine monogame Saisonehe und hat in der Regel eine Jahresbrut. Bei Verlust des Geleges kann es zu einem Nachgelege kommen. Das Nest baut das Paar meistens in einer Höhe von 3 bis 8 m, ausnahmsweise kann es 30 m über dem Boden sein. Gerne brütet er in Fichten und Tannendickichten, um Prädatoren wie Habicht und Sperber den Zugang zu erschweren. Gelegentlich übernimmt er alte Nester von der Elster oder vom Mäusebussard. Im Mai, wenn das fertig entwickelte Laubdach im dichten Geäst sein Nest praktisch unsichtbar macht, beginnt der Eichelhäher mit der Eiablage. In dieser Zeit besteht die Gefahr, dass Eichhörnchen, Bilche*, Elstern oder andere Eichelhäher das Nest plündern. Ein Gelege umfasst 3 bis 6 Eier. Die Nestlingszeit – also die Zeit vom Schlüpfen bis zum Ausfliegen –  beträgt 20 bis 22 Tage. Nach Verlassen des Nestes werden die Jungvögel noch 3 bis 4 Wochen von den Eltern weitergefüttert.

Pflanzliche Nahrung ist in dieser Zeit nicht gefragt. Im Frühling und Sommer bevorzugt der Eichelhäher tierische Nahrung, vor allem auch für das Aufbringen seiner Jungen: Raupen, Käfer, Engerlinge, Heuschrecken, auch kleine Reptilien und Mäuse. Es kommt vor, dass der Eichelhäher Eier, Nestlinge und gerade flügge gewordene Kleinvögel oder kranke und verletzte Altvögel bis zu Drosselgrösse erbeutet. In dieser Beziehung ähnelt er seiner Verwandten, der Elster, die oft als «Nestplünderer» bezeichnet und von Singvogel-Freunden daher nicht sehr geliebt wird. Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass nur 2-3 Prozent der Elstern-Nahrung aus geplünderten Vogelnestern stammen. Auch beim Eichelhäher ist dieser Anteil an Nahrung eher gering.

*Bilche sind Schläfer oder Schlafmäuse, beispielsweise Siebenschläfer, Gartenschläfer, Haselmaus. Sie gehören zu den Nagetieren.


Wächter des Waldes und Stimmenimitator

Die rätschenden Rufe verraten die Anwesenheit des Eichelhähers und machen nicht nur Artgenossen, sondern auch andere Tiere auf Gefahren aufmerksam. Wegen dieser Eigenschaft wird er oft auch als «Markwart» oder als «Wächter des Waldes» bezeichnet. Jäger mögen den Eichelhäher nicht besonders.  Auch wenn sie noch so vorsichtig durch den Wald pirschen, der Eichelhäher entdeckt sie trotzdem und sein Lärmen wird von den anderen Tieren als Warnruf verstanden und treibt sie in die Flucht. Der Ruf des Eichelhähers hat ihm regional unterschiedliche Übernamen  eingetragen wie etwa Gäckser, Tschäcker, Jägg, Gäbsch, Gräcke und viele mehr.



Quelle: Andreas Schulze, Karl-Heinz Dingler: Die Vogelstimmen Europas, Nordafrikas und Vorderasiens, 2007 Edition AMPLE


Eine weitere besondere Eigenschaft des Eichelhähers ist das Imitieren von Stimmen und Rufen anderer Tiere. Dadurch schreckt er diese oft ab oder warnt deren Beute-Tiere. So wacht er über sein Waldstück, indem er seine Feinde mit ihren eigenen Waffen schlägt. Darin zeigt sich die sprichwörtliche Intelligenz und Schlauheit der Raben­vögel. Auf die täuschend echte Imitation des Rufs des Mäusebussards ist auch schon mancher Vogelbeobachter hereingefallen.

Unser persönliches Erlebnis: Unterwegs in einem Auengebiet hörten wir in nächster Nähe über uns die Rufe eines Mäusebussards, ähnlich dem Miauen einer jungen Katze. Wir entdeckten oben auf einem Baum den Bussard, dann flog dieser majestätisch davon. Keine Minute später ertönten die Rufe von gleicher Stelle und wir schauten erstaunt wieder nach oben, da der Mäusebussard ja Reissaus genommen hatte. Da sass tatsächlich ein Eichelhäher und ahmte die Rufe perfekt nach. Dieses Erlebnis hat sich bei uns nachhaltig eingeprägt.


Grosses Verbreitungsgebiet – viele Varianten

Das Verbreitungsgebiet des Eichelhähers erstreckt sich von Europa über Teile Nordafrikas und des Nahen Ostens sowie in einem breiten Gürtel durch Asien und dort südwärts bis nach Indochina. Es gibt sehr viele Unterarten, die Gefiederzeichnung der Vögel variiert je nach geografischer Lage. So haben wir auf der griechischen Insel Lesbos Eichelhäher der Unterart atricapillus getroffen, die eine schwarze «Mönchskappe» tragen.

Eichelhäher, Unterart atricapillu Metochi
Eichelhäher, Unterart atricapillu Metochi


Unsere einheimischen Eichelhäher sind mehrheitlich Standvögel. In einzelnen Jahren kommt es bei uns im Herbst zu Invasionen nord- und osteuropäischer Vögel. Der Eichelhäher ist ein recht häufiger Vogel und gilt als nicht gefährdet. Wie andere Rabenvögel wird er gebietsweise stark verfolgt. In der Schweiz ist er in vielen Kantonen jagdbar. Diese Verfolgung ist ökologisch nicht zu rechtfertigen, da er sich hauptsächlich von Eicheln, Haselnüssen, Bucheckern und Kastanien ernährt und somit für das Ökosystem Wald eine wichtige Rolle spielt.


Das Prinzip der Versteckausbreitung

In der Waldbewirtschaftung wird das eingangs beschriebene Prinzip als «Versteckausbreitung» bezeich­net, im Falle des Eichel- und Tannenhähers auch als «Hähersaat». Neben den Hähern praktizieren auch andere Tiere wie Eichhörnchen, Siebenschläfer und Feldmäuse diese Vorratsstrategie. Und auch sie finden einen Teil ihrer Vorratslager nicht mehr und tragen so zur Ausbreitung und Verjüngung bestimm­ter Baumbestände bei. Die Versteckausbreitung hat den Vorteil, dass viele Samen von vornherein günstige Bodenbedingungen zum Keimen und Wachsen vorfinden und vor der Witterung geschützt sind.


Das Pendant im Gebirge

Ein naher Verwandter des Eichelhähers ist der Tannenhäher. Er lebt im Gebirge und hat dieselbe Vorratsstrategie. In seinem Fall sind es vor allem Arvensamen, die er versteckt und so für die Ver­breitung der Arven sorgt. Anfangs des 20. Jahrhunderts wurde er während Jahrzehnten beschimpft, verunglimpft und gejagt. Man meinte, er sei schuld am Verschwinden der Arve in den Alpen, weil er ihre Samen frisst. Erst ab 1960 wurde die Jagd eingestellt, als wissenschaftliche Studien den fatalen Irrtum aufdeckten. Sie zeigten: Der Tannenhäher schädigt die Arve nicht – im Gegenteil. Er ist es, der den Fortbestand der Arve durch Verjüngung und Verbreitung überhaupt erst ermöglicht. Und was später auch klar wurde: der Rückgang der Arvenwälder in jener Zeit war durch den Menschen verursacht  – nämlich durch Übernutzung dieser Holzart.

Ein Tannenhäher auf einer Lärche
Ein Tannenhäher auf einer Lärche


www.benifoto.ch 

Kommentare (4)

  1. Thomas
    Thomas vor 2 Tagen
    Lieber Beni;
    Einfach wunderbar! Weit weg von unserer Vorstellungskraft wie ein solcher Vogel sich zu einer solchen Schönheit entwickeln konnte.
    Wir verneigen uns vor der Herrlichkeit der Natur.
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  2. Silke Amrein
    Silke Amrein vor 1 Woche
    Die Zeitungsseite liegt seit dem 30. November bei mir auf dem Arbeitsplatz, weil ich den fantastischen Bericht, und vor allem das Superfoto noch einem Kollegen scannen und weitersenden wollte. Dabei geht es ja ganz einfach hier über E-Mail-Versand. Und es gibt dann gleich noch viel mehr gute Informationen zu diesem wunderschönen, kraftvollen Vogel. Es ist jetzt wohl die beste Jahreszeit für Beobachtungen, jedenfalls sehe ich ihn sehr häufig bei uns oben im Wald. Schöner Bericht!
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  3. K. Cagnazzo
    K. Cagnazzo vor 2 Wochen
    Tolle Fotocollage! Danke!
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  4. Senn Margrit
    Senn Margrit vor 2 Wochen
    Was für ein wunderbarer Beitrag. Ich bin immer wieder aufs Neue fasziniert von den einmaligen Aufnahmen. Beni bringt uns unsere Vogelwelt immer so interessant näher. Seit ich seinen Blog entdeckt habe, schaue ich wieder viel besser, was in meinem kleinen Garten abgeht.
    Herzlichen Dank an Beni und Edith
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